Perspektivenwechsel

Ciao amici

Rio. Eine unvergleichliche Stadt. Wer sie kennt weiß, dass es kaum eine größere Vielseitigkeit innerhalb einer Stadt geben kann.

Stefan Zweig, seines Zeichens österreichischer Schriftsteller und Rio-Liebhaber, beschrieb Rio de Janeiro wie folgt: „es gibt keine schönere Stadt auf Erden und es gibt kaum eine unergründlichere, unübersichtlichere. Man wird nicht fertig mit Rio de Janeiro.“

Ich kannte Rio aus diversen Wochenenden, die ich dort als Studentin verbrachte. Leider habe ich in diesen Tagen keinen Gesamteindruck von Rio gewinnen können, da sich die Wochenenden meistens auf die zwei, drei gleichen Stadtteile beschränkten. (Tijuca, Copacabana, Ipanema)

Dank der Möglichkeit bei den Paralympischen Spielen 2016 arbeiten zu dürfen, habe ich knapp einen Monat in Rio de Janeiro verbracht und konnte in den insgesamt 10 Tagen, die ich tatsächlich frei hatte und in den drei Wochen Paralympics die Stadt aus  vielen verschiedenen Winkeln und Perspektiven kennenlernen… im wahrsten Sinne des Wortes.

Darum geht es auch primär in diesem Blogbeitrag. Ums fliegen. Perspektivenwechsel. Spontane Angstbewältigung. Adrenalin. Glückseligkeit.

Vorgeschichte: Es ist ein ganz normaler Mittwoch Nachmittag in Hamburg. Beim Abräumen eines Tisches im Restaurant erhasche ich einen kurzen Blick auf ein Foto, welches eine freudenstrahlende, vor Adrenalin nur so sprühende Frau zeigt, die in einem Trapez über Rio de Janeiro hängt, ihre beiden Daumen in die Höhe reckt und in die Kamera lacht. Gebannt frage ich sie, ob das Drachenfliegen über Rio de Janeiro sei, was sie lächelnd bejahte. An diesem Tag entstand der dringende Wunsch über Rio de Janeiro zu fliegen. Die Perspektive zu wechseln.

08:30 Uhr Ortszeit Rio de Janeiro, Brasilien. Unser Instruktor holt uns zuhause ab. Freundlich begrüßt er uns und beginnt direkt ein nettes Geplauder übers Fliegen, die momentane Wettersituation, auch der morgendliche Verkehr wurde thematisiert. Ein sehr sympathischer Mann. Ich erfuhr, dass er derjenige sein wird, der mich fliegend begleitet. Meine Gemütslage in diesem Moment im Auto ist entspannt, in freudiger Erwartung auf den Flug.

09:36 Uhr Ankunft Pedra Bonita, Rio de Janeiro, Brasilien. Wir schlängeln uns mit dem Auto die Serpentinen hoch. Keine Nervosität meinerseits zu verzeichnen. Kurve um Kurve treibt es uns höher auf den Berg, der sich südwestlich von der Copacabana in den Himmel streckt. Wir sehen ein paar Wanderer, die die Pfade des Berges zu Fuß erklimmen. Wir parken das Auto und gehen die letzten Schritte zu Fuß. Das Erste was ich sehe sind diverse Schirme, die hintereinander aufgereiht sind. Alle zeigen in Richtung der hellgrünen, hölzernen Plattform , die die Abenteuerlustigen in die Freiheit schickt.

Wir dürfen uns in Ruhe umschauen. Der Ausblick von der Plattform ist atemberaubend. Jetzt weiß ich, warum ein Ausblick atemberaubend heißt, weil es mir buchstäblich den Atem verschlägt. Jetzt fällt mir ein, dass ich seit Kindheit unter starker Höhenangst leide. Was habe ich mir dabei gedacht von einem 500 Meter hohen Berg zu ‚rennen‘. Mir rutscht das Herz in die Hose und mein Magen hängt in der  Kniebeuge.

Während wir uns umblicken sehe ich einen Instruktor mit seinem Schirm und seinem ‚Schützling‘ direkt auf der Rampe stehen. Sie sehen bereit aus. Aber warum springen sie nicht? Seit 5 Minuten stehen sie regungslos da und blicken gemeinsam in die Tiefe. Mein Instruktor erklärt mir, dass sie auf den perfekten Wind warten müssen. Es gibt drei Kontrollpunkte mit Fädchen, die alle in die exakt selbe Richtung zeigen müssen. Heimlich bete ich, dass bei mir der Wind perfekt steht und ich nicht fünf Minuten in meinen persönlichen Horror blicken muss.

Unser Instruktor übt den „Anlauf“ mit uns. Drei, vier gesprintete Schritte, die den Unterschied machen. Ich bekomme den wichtigen Hinweis, diese wenigen Schritte nicht zu verpatzen, denn davon hängt die Sicherheit des Fluges ab. So langsam macht er mich nervös.

Ein paar Minuten können wir noch entspannen, sinnieren, uns mental auf den Flug vorbereiten, Flüche zum Himmel schicken, bereuen und den Fußweg runter vom Berg suchen. Schwitzige Hände und ein rasender Puls zeigen meine steigende Nervosität als mein Instruktor mir Helm und Kleidung anlegt. Ich steige in eine Art Jumper, habe an den Waden jeweils eine Schlaufe befestigt, die mit dem Drachen verbunden wird.

Plötzlich geht alles ganz schnell. Scheinbar drängeln wir uns vor, jedenfalls stehen wir auf einmal unter dem Drachen, mein Instruktor beobachtet den Wind und fragt mich, ob ich bereit sei. „bereit“ lüge ich. Aber bereit wäre ich wahrscheinlich nie gewesen.

Kurze Zeit später befinde ich mich bereits auf der Plattform und… 3…2…1…. RENN RENN RENN ………

Ich funktioniere auf Knopfdruck und renne, so wie wir es trainiert haben, auf den Abgrund zu. Ich konzentriere mich so sehr darauf, die Füße richtig zu koordinieren und schnell genug zu sprinten, dass keine Zeit für Angst bleibt.

Ich renne drei Schritte und bin schon in der Luft. Es entwischt mir ein Freudenschrei, als ich realisiere, dass ich fliege! Ich fliege! Und augenblicklich ist jegliche Angst gänzlich verschwunden und ich genieße die 5 Minuten Flug im vollen Zuge. Ich sehe Rio de Janeiro von oben, sehe den herrlichen Horizont mit dem Zuckerhut, unter mir erstreckt sich der Atlantik in seinem Türkies-Blau bis in die Unendlichkeit. Ich sehe den Cristo Redentor, grüße ihn, bemerke die Favela Rocinha, sehe Pools auf Häuserdächern, erblicke die Schönheit dieser Schadt, die auch von oben nicht enttäuscht. Ich bin verliebt.

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Wir landen auf dem weißen Sandstrand von Sao Conrado ganz elegant und ich sprühe vor Glück und Adrenalin. Ich habe meine Höhenangst überwunden, ich bin von einer Rampe in die 500m hohe Tiefe gerannt und habe die grenzenlose Freiheit des Schwebens erlebt. Für den Flug würde ich es immer machen und jedem ans Herz legen. Ganz besonders über einer solchen Traumstadt wie Rio de Janeiro. Aber die Ängste oben sind schon extrem und nicht für jeden was 🙂 Aber manchmal muss man auch mal was riskieren.

Ich habe aus den Videos, die die Crew mit den GoPros macht, ein Video geschnitten. HIER könnt ihr meinen Flug live miterleben, unterlegt mit der wundervollen Musik „Schwerelos“ von ELLA, dem Gesangsduo meines Bruders

Ich hoffe, euch hat dieser Einblick gefallen! Danke fürs Teil haben!

Ciao Stella

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